Mittwoch, 20. März 2013

Affektkrämpfe [følelse]

Pelle  2008

Pelle hat heute ein Experiment gemacht. Er hat ausprobiert wie lange er die Luft anhalten kann, bzw. wie rot sein Kopf werden kann. Das hat er im Bad vor dem Spiegel gemacht. Dann gab es einen lauten Rumms, er lag auf dem Boden und hatte eine sehr dicke Beule an der Stirn. Ansonsten ist der Kopf heil geblieben. Pupillenreflex ist unauffällig, keine Verwirrtheit. Nur eine Menge Tränen. Glück gehabt.


Dieses Experiment werden wir heute Abend noch sorgfältig nachbereiten. Lebensnotwendige Körperfunktionen besprechen. Ich hab schon einige Erfahrungsberichte im Internet gesammelt, die wir dann lesen können. Ich kenne das absichtliche Ohnmächtig werden noch aus der Schule. Dort haben hauptsächlich die Jungs in den Pausen, den so genannten Pilotentest, gemacht. Der besteht aus Hyperventilieren und dann ohnmächtig werden. 


Im Kleinkindalter gibt es etwas ähnliches. Ein Kind bekommt einen Wutanfall, schreit, hält die Luft an und wird bewusstlos. Das ist ein Affektkrampf. Der ist allerdings absolut nicht willentlich herbeigeführt, auch wenn einige Eltern das oft denken. 


Viele Wutanfälle sind das Ergebnis von emotionalem Schmerz, der ernst genommen werden sollte: Der Schmerz von Ohnmacht, Frustration, Verlust, Enttäuschung und dem Gefühl, missverstanden zu werden. 


Manche Eltern meinen sie stecken mit ihrem Kind gerade in einem Machtkampf. Aber es kann für Kinder sehr schmerzhaft sein, wenn sie das Gefühl haben, es nicht zu schaffen, den geliebten Elternteil dazu zu bringen, etwas überaus Wichtiges zu verstehen [Sunderland 2006, S.120].

Kinder entwickeln in der Auseinandersetzung mit Frust und Wut Strategien, mit diesen Emotionen umzugehen. Sie lernen, wie sie sich selber beruhigen können. Sie lernen, was ihnen helfen kann mit diesem Gefühl klar zu kommen. Wut und Frustration sind deshalb unglaublich wichtig für die Formung des Gehirns. Das Kind entwickeln in diesen Momenten Strategien zur Stressbewältigung, die in seinem ganzen restlichen Leben benötigen wird.

Bei einem Affektkrampf ist das Kind seinen Emotionen hilflos ausgeliefert. Ein Affektkrampf sieht hoch dramatisch aus, ist aber für das Kind nicht so gefährlich.

Physiologisch passiert folgendes: das Kind gerät in einen solchen hochemotionalen Zustand, schreit und brüllt, die Stimmritze verkrampft sich und die Atmung setzt aus, d
er Blutdruck fällt und das Herz schlägt langsamer. Es tritt ein Sauerstoffmangel ein. In diesem Moment wird das Kind bewusstlos. Der Teil vom Gehirn, in dem der Affektkrampf stattfindet wird kurz ausgeschaltet (have you tried turning it off and on again?). Jetzt bekommt ein sehr basaler Gehirnbereich die Oberhand. Und dieser Teil sorgt zum Beispiel für so lebensnotwendige Funktionen wie das Atmen. Also beginnt das Kind wieder tief und regelmäßig (also effizient) zu atmen, in dem Moment wo es bewusstlos wird.

Als Eltern kann man dabei nur dafür sorgen, dass das Kind weich fällt. Einige Eltern berichten davon, dass sie es schaffen ihr Kind aus einem Affektkrampf zu lösen indem sie ihm ins Gesicht pusten (also noch bevor es bewusstlos wird). Aber die meisten stehen dem hilflos gegenüber. Die Kinder kommen nach kurzer Zeit wieder zu sich, sind manchmal etwas benommen oder müde. Diese Affektkrämpfe haben anscheinend aber keinerlei Folgen für die Gesundheit der Kinder. Die treten auf, sind sehr gruselig, machen aber nichts kaputt.


Das sind die blauen Affektkrämpfe. Blau deshalb weil die Lippen des Kindes beim Schreien und Atem anhalten blau (zyanotisch) werden. 

Es gibt aber auch noch blasse Affektkrämpfe. Da schreit sich das Kind nicht weg. Es kippt einfach um. Hier scheint nicht Wut oder Frust die Ursache zu sein, sondern physiologischer Schmerz. Es gibt Kinder die stoßen sich den Kopf, bekommen einen Schreck oder erleben Angst, werden blass und kippen um.

Wir (und vor allem Pelle) sind froh, dass er dieses Experiment nicht in der Badewanne durchgeführt hat.


Quellen:

Sunderland 2006: Die neue Elternschule. Dorling Kindersley, London.


Respiratorischer Affektanfall.

Kommentare:

  1. Hab euch gefunden ;-)
    Interessant! Danke für die Ausführungen.

    Liebe Grüße von
    Mareen u Bande

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  2. Hallo,
    da seit ihr ja. Neu und ganz anders, toll..

    Ich wollte schon im alten Blog fragen:

    Ich frage mich auf welche Schule ( Form ) der Krachmacher geht ?
    So langsam kommt Sam ins Schulalter und ich suche nach Möglichkeiten dem ganzen im klassischen Sinne zu entgehen.. Waldorfschule und co. machen mir auch kein gutes Gefühl im Bauch..

    Ich würde mich sehr freuen wenn du berichten würdest.

    Gruss aus Hamburg an den Deich !

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