Sonntag, 19. Mai 2013

Der Hahn ist tot [hanekylling er død]


Wir haben Hühner. Eine spezielle Rasse: Brahmas. Oder auch Elvishühner oder Punkhühner. Die haben nämlich Schlaghosen an. Eigentlich sollen die nicht nur Eier abgeben, sondern auch Fleisch. Die Hühner leben jetzt seit drei Jahren hier und irgendwie musste noch keines geschlachtet werden. Aber wenn keines geschlachtet wird, gibt es auch kein Fleisch. Also kaufen wir für die Hühnersuppe und die Hühnchenschenkel in Weißweinsoße tote Hühner vom Bauckhof. Auf dem Lüthjenhof von Daria leben einige unserer ehemaligen Küken und deren Nachkommen. Die sollen dort auch Eier und Fleisch beisteuern. Und jetzt hat Daria zum ersten Mal einen der Hähne geschlachtet. Ich wollte wissen wie es war und sie hat es mir geschrieben. Und weil mir ihr Bericht so unter die Haut gegangen ist, habe ich sie gefragt ob ich den hier veröffentlichen darf. Darf ich. Danke Daria.

Daria hat das Wort:

Gestern hab ich zum ersten mal einen Hahn geschlachtet.

Es war durchwachsen. Ganz komisch.
Ich hatte zittrige Knie. Es hat in strömen geregnet und gewittert. Ich hatte vorher alle Kinder ins Bett gebracht und erst dann Zeit. Der Lüthjenhofpapa war nicht da.
Ausgestattet mit lauter Theorie im Kopf... und dann war doch alles anders.

Ich hab ihn betäubt mit einem Schlag auf den Kopf, damit er bewusstlos ist und nicht mitbekommt, dass er sterben wird. Nicht so viel Adrenalin und so. Da war ich aber zu zaghaft zuerst und er war nicht sofort bewusstlos. Dann aber schon, und dann musste ich diesen Kopf abkriegen - und da hab ich richtig gezittert! Aber es gab ja nun auch kein zurück mehr... 
Ich hab ein kleines Küchenbeil und ein scharfes Messer (dachte ich...) gehabt. 
So, überall steht "mit einem gezielten Schlag den Kopf abtrennen". Jaja... vergiss es, der ist sooo fest dran, dass ich echt oft ansetzen musste. Zwischendurch dachte ich, ich sollte halt lieber das Messer nehmen. Das ging aber auch nicht viel besser.
Irgendwann hab ich aber doch die Arterie getroffen und konnte ihn ausbluten lassen. Zum Glück, ich war wirklich erleichtert.

Und dann das Rupfen. Das ist eigentlich leicht, aber viel Arbeit. Und die großen, dicken Kiele gehen schwer raus. Irgendwann hab ich mich dazu entschieden, die Haut mit abzuziehen weil ich ihn eh nicht als Brathähnchen machen wollte sondern schön in Stückchen zur Suppe. Ich glaube, so in Hähnchen-Form hätte ich das noch nicht essen können.
Die Haut abziehen ist aber auch nicht so leicht. Man muss zwischen Muskel/Fettgewebe und Haut immer diese Zwischenhaut, die Faszie durchschneiden. Sitzt fest, ist gut verbunden und um Gelenke drumrum geht's gar nicht gut.
Und dann noch die Innereien. Man muss oben am Hals die Speiseröhre finden und rauszupfen. Und dann von hinten und über einen kleinen Schnitt in der Bauchdecke quasi ausräumen. Geht aber, wenn man eine ungefähre Vorstellung davon hat, wie die Organe aussehen.

Tja, und dann hat er gekocht... und gerade hab ich ihn zerlegt, die Suppe in Gläser gefüllt und mal ein bisschen Fleisch probiert. Schmeckt irgendwie ganz schön mager und trocken - ich hab sie definitiv nicht gemästet ;)

Ich glaub, ich mag die doch lieber verkaufen statt schlachten. Aber wenn es sein müsste, würde ich es wohl nochmal machen. Und dann läuft es hoffentlich etwas besser. Mit einem größeren (schwereren) Beil und einem wirklich scharfen Messer.

Auf jeden Fall würde ich es als echt existentielle Erfahrung beschreiben. Es ist schwer, richtig schwer, bewusst und absichtlich zu töten. So von Hand und ganz direkt. Nix mit Gas betäuben oder Sromschlag und tot und so. Nichts indirektes, distanzierendes - nein, alles selbst, direkt, du selbst und deine Hand. Das ist echt nicht leicht. Und vor allem, es dann auch durchzuziehen. Man muss währenddessen verstehen, dass weniger nicht mehr ist und dass man dem Tier keinen Gefallen damit tut, vorsichtig zu sein sondern bitteschön schnell, gezielt und nachhaltig. Aber das ist eben nicht so leicht...

Ich fand es wichtig, als Fleischesser und als Hühnerhalter. Es gehört zur Hühnerhaltung dazu, weil es immer sein kann, dass man sie nicht verkauft kriegt. Bei den Brahmas zwar noch seltener als bei normalen Hühnern. Es schärft, ändert wirklich die Sicht auf das Tier, auf den Fleischkonsum und die Wertschätzung dafür. Das ist echt Arbeit, körperlich. 
Ist ja auch kein kleines Zwergseidenhühnchen sondern ein 5-Kilo-Ding. Da ist es schon ein Problem, wie man die Krallen/Füße abkriegt. Da könnte man gut eine Knochensäge gebrauchen. Ich hab das z. B. mit einer Geflügelschere gemacht. Aber das ist auch total schwer, weil das Vieh ja auch noch nicht gekocht war, ich war durchgeschwitzt nach der Prozedur und hab mich ganz gründlich geduscht, auch seelisch.

Morgen muss ich diese Suppe essen... Die Kinder sind da ja total pragmatisch, wie immer. Der Hahn hat Streit mit den anderen gemacht also wird er geschlachtet und schenkt uns sein Fleisch - nett von ihm, "tust du auch Nudeln in die Suppe, mama?"

ja, gern ;-)




In Ermangelung aktueller Fotos seht ihr hier Luzie vor zwei Jahren mit unserer Hühnersippe.

Kommentare:

  1. Sehr!! Spannend danke Daria danke Katrin

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  2. Ganz nah dran ... danke für's virtuelle dabei-sein-dürfen.

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  3. Waaaah krass. Da bin ich gerade wieder sehr froh, dass ich kein Fleisch esse. Ich bin aber auch der Meinung, dass- wenn wir uns Hühner zulegen- ab und zu eins geschlachtet werden sollte um das Bewusstsein meiner Restfamilie für den Wert des Fleisches zu schärfen.

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  4. minomi, das Problem, welches man ganz schnell hat ist, dass aus den Eiern auch Hähne schlüpfen. Und mehr als einen Hahn verträgt die Gruppe nicht. Die Hähne fangen irgendwann an sich gegenseitig zu zerfleischen. Wir sind bisher immer noch so grade alle los geworden. So ein Hahnenkampf ist echt brutal. Und dann stehst Du da... und einer muss weg.

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  5. Bislang hat mein Mann das Schlachten übernommen. Keine schöne Sache, aber irgendwie "gehört es dazu" - eben, wegen den vielen Hähnen, die auch schlüpfen. Ich hab mich beim Zerlegen und Kochen irgendwie schwer getan - aber die Suppe hat einfach so gut geschmeckt, dass man sagen muss: man schmeckt den Unterschied :)
    Für die Kinder ist das Schlachten sicher schwierig, aber es ist auch natürlich, wenn sie immer wissen, worum es geht (ich halte nichts davon, ihnen "Geschichten" zu erzählen, wo das Schwein z.B. jetzt hinfährt). Fleisch kommt irgendwoher und ist nicht "einfach da" - genauso wie das Gemüse im Garten.
    Toll, dass du so einen Bericht postest. In Zeiten, in denen die halbe Bloggerwelt vegan lebt, find ich das mutig :)
    Alles Liebe. maria

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  6. Tatsächlich, beim Suppe essen haben wir alle - ALLE - den Unterschied gemerkt. Wirklich nicht vergleichbar mit dem, was man kaufen kann. Da kommt kein Suppenhuhn ran, auch wenn es "frisch" vom Markt ist und so weiter.
    Sogar die Kinder haben sofort von sich aus gesagt, wie gut es schmeckt - tun sie sonst nicht so bei Suppe, war auffällig.
    Das Ausnehmen und Zubereiten ist echt nochmal so eine Sache. Allerdings muss man auch sagen, dass das ausgenommene Huhn im Topf einfach nicht mehr viel mit dem Hahn zu tun hat, der vorher im Garten rumlief und den anderen Hahn und die Hühner gepiesackt hat.

    Ich finde auch nicht, dass man Kinder von diesem Teil des Prozesses fernhalten sollte. Nur so können sie doch überhaupt ein Bewusstsein dafür entwickeln, was es heisst, Bratwurst zu essen. Das Heranführen an die Wurzeln unserer Nahrung ist doch ganz elementar. Nur für die meisten hört das eben damit auf, dass sie Kohlrabi und Möhren im Garten anpflanzen. Manche holen vielleicht grad noch Milch beim Bauern nebenan, aber auch eher selten, schon allein weil sie nicht die Möglichkeit dazu haben.
    Aber auch dieser Lernprozess trägt dazu bei, dass die Kinder eine Entscheidungsfähigkeit entwickeln dahingehend, ob sie Fleisch essen möchten oder nicht.

    Tatsächlich aber hat mich das Schlachten selbst, in genau diesen Augenblicken, als ich da stand mit Messer und Beil in der Hand, einmal mehr dazu gebracht, mich kopfschüttelnd und rot vor Scham zu fragen, wer ich da eigentlich bin, über Leben und Tod einer mir in meiner Lebenswertigkeit gleichwertigen Kreatur zu entscheiden, zu bestimmen.


    Aber ja, wenn man Hühner hat, Eier haben will, Küken haben will (und auch wenn nicht, denn man kann Hühner nicht ewig vom Brüten abhalten, dafür hat die Natur schon gesorgt), dann gehören auch diese "Abfallprodukte", nämlich Hähne-Küken dazu. Dann kann ich mich entscheiden, die gleich den Katzen zum Fraß vorzuwerfen, ich hab aber keine Katzen, also könnte ich sie nur auf den Komposthaufen tun und sich selbst überlassen - nein, kann ich nicht, ICH kann nämlich nicht gleich unterscheiden ob es Hähne oder Hennen sind und ausserdem ist das Qual.
    Also kann ich sie auch eine Weile bei uns leben lassen, bis wir sehen, ob sie Männlein oder Weiblein sind und dann kann ich sie weiter verwerten.

    Hier im Dorf werde ich übrigens öfter mal gefragt, ob ich nicht einen Hahn für Suppe übrig hätte ;-)

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  7. Ja für solche Erfahrungen wünsche ich mir manchmal einen eigenen Hof. Ich denke schon lange immer wieder darüber nach ob ich selber schlachten könnte, wenn ich müsste/wollte... und genau daran mache ich immer wieder mal fest (wenn ich wieder vor dem Gedankenkarussel stehe) ob ich Fleisch esse oder nicht.
    Vielleicht hab ich mal nen Hof wenn ich gross bin und dann steh ich da vielleicht auch mal und will ne Suppe kochen.
    Mir geht der Bericht immer wieder im Kopf rum und bewegt ganz viel in mir. Nochmal danke wollt ich sagen für deine Offenheit Daria und den Platz das hier zu zeigen Katrin.
    Ich musste dabei auch ein bisschen an die Szene aus "zusammen ist man weniger allein" denken in der der Koch zu einem Schlachtfest in Frankreich eingeladen wird und sie die Szenen malt (und mithilft).. als ich das damals gelesen und hinterher als Hörbuch einige Male wieder gehört habe, war ich immer etwas neidisch um diese Erfahrung.
    Es ist so ein ambivalentes Thema: aber es ist mit sicherheit eine urtiefe elementare urmenschliche (?) Erfahrung über die ich nun viel nachdenke.

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  8. Oh ja, mit Sicherheit.
    Und ich weiss auch immer noch nicht, ob ich das als Gut oder als Böse bezeichnen will/kann.

    Das alles war ein bisschen wie in Emmas Glück, kennst Du den (Jürgen Vogel-)Film, ka?

    Und genau da stehe ich auch immer wieder, mit den Bildern im Kopf und den Gefühlen im Herzen und im Körper, wenn ich dann im Laden entscheide, ob ich Fleisch kaufe oder nicht.
    Ich weiss nicht, ob ich seit dem mehr oder weniger Fleisch gekocht oder gegessen habe, aber ich weiss, dass ich es bewusster getan habe, und dankbarer, wissender.
    Eigentlich aber müssten wir dafür das Schwein schlachten, oder die Kuh - denn das ist ja nochmal eine ganz andere Nummer, da weiss man wirklich, welch körperliche Kräfte nötig sind, damit ich am Ende Spaghetti Bolognese auf dem Tisch hab...

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