Danke Ka, für den Lesetipp!
enorm: Arroganz des Helfens
Ja, die Arroganz des Helfen trifft es ganz gut. Und das was der Kilian Kleinschmidt da erzählt ist lehrreich.
Allerdings hätte man unter dem Titel noch viele andere Aspekte, die mir in der Unterkunft auch begegnet sind, beschreiben können.
Es ist wirklich wirklich wirklich gruselig wie manche Menschen mit anderen Menschen umgehen. Und damit meine ich auch – oder vor allem – diejenigen, die sich als Helfer sehen. Da geht nämlich jede Gleichwertigkeit, und damit auch Würde, verloren.
Wovor ich auch fassungslos stehe und mich einfach nur ausgeliefert und hilflos fühle sind bürokratische Arschaktionen wie diese: Artikel in der Welt.
Wir hatten in der Unterkunft auch einige Familien, bei denen das System versagt hat. Zum Beispiel eine Familie aus Syrien. Vater, Mutter und zwei kleine Kinder. Der Papa ist Anwalt und hatte auch alle Universitätsdokumente schon fertig auf Deutsch übersetzt und beglaubigt dabei. In Plastiktüten in einer Aktentasche vor dem Wasser geschützt, mit im Schlauchboot nach Griechenland genommen.
Diese Familie ist als erstes zu dem Bruder des Papas in eine Kleinstadt hier in der Nähe gefahren. Der Bruder ist schon länger in Deutschland und spricht gut Deutsch. Er hatte eine Wohnung für die Familie organisiert. Sie sind dann zusammen zur zuständigen Asylbehörde in der nächst größeren Stadt gefahren. Dort wurden sie alle registriert und haben alle möglichen Dokumente bekommen.
Ihnen wurde dann gesagt, dass sie aber für dieses Interview und die richtige echte Registrierung zur Zentralen Landesregistrierungsstelle des Bundeslandes müssen.
Also ist die Familie ohne den deutsch sprechenden Bruder zu der Landesregistrierungsstelle in der großen Stadt am anderen Ende des Bundeslandes gefahren.
Dort wurden sie wieder registriert (nur so eine kleine Registrierung, dass sie dort vor Ort sind) und haben einen Termin für die echte große Asylantragregistrierung bekommen.
Der Termin lag drei Wochen in der Zukunft. Jetzt wartet diese Familie also Tag um Tag dort und versucht einen Schlafplatz irgendwo drinnen zu bekommen. Die Unterkunft dort war gnadenlos überfüllt und nachts durften dann einige in der Küche schlafen.
Dann fährt ein Bus vor. Den Menschen wird erzählt, dass dieser Bus zu einer neuen Unterkunft fährt. Das sei ca. eine Stunde entfernt, es gibt dort Schlafplätze für alle und dort könnten sie dann auf den Termin zum Interview warten.
Und dann kommen sie nach regulären 4.5 Stunden Fahrt, die der Weg von der Landesregistrierungsstelle zu uns nun mal dauert, an. Uns wurde am Vortag bei der Lagebesprechung gesagt, dass der Bus um 14 Uhr los fährt und dann gegen 18.30 bei uns ankommt. Das allein finde ich schon so unfassbar beschämend. Ich hätte heulen können, als mir klar wurde, dass man die einfach stumpf belogen hat.
Hätte man den Menschen ehrlich gesagt, dass die Unterkunft total weit weg ist und dass auch die Termine, die sie ja schon hatten, für das Interview dann ungültig sind, wäre natürlich niemand in den Bus gestiegen.
Ja, die Termine. Die waren nämlich tatsächlich alle aufgehoben in dem Moment wo die Menschen in unsere Unterkunft kamen. Ab da fängt das ganze Prozedere von Vorne an.
Den Menschen wurde dann am dritten Tag erklärt, dass sie jetzt ca. drei Monate in unserer Unterkunft verbringen, bevor dann der Transfer in eine zugewiesene Gemeinde statt findet. Teammitglieder gehen allerdings eher von vier bis sechs Monaten aus.
Die Familie sitzt also Tag um Tag in der Unterkunft und weiß nicht weshalb sie jetzt drei Monate dort abgestellt wurden, obwohl doch bei ihrem Bruder schon alles fertig war.
Die Menschen fliehen nicht aus dem Bombenhagel und sind froh ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu haben. Die Menschen versuchen der absoluten Perspektivlosigkeit zu entkommen. Ein 18 jähriger, der mit seinem Bruder, seiner Schwester, Mama, Papa und noch ein Baby dort war sagte, dass sie zu Hause die Wahl hatten entweder stehlen zu gehen oder in den Drogenhandel einzusteigen, um Geld zu verdienen. Und jede Nacht musste man damit rechnen eine Waffe an den Kopf gehalten zu bekommen. Es gibt in dem Land nichts mehr. Und dann gibt es diese Idee. Da gibt es in Nordeuropa Länder, in denen bekommt man eine Wohnung (klein und schäbig meist, aber egal) und die Möglichkeit einen Beruf zu erlernen oder auszuüben (wenn man ihn schon kann). Man hat eine Zukunft dort. Man kann etwas aufbauen.
Und mit dieser Hoffnung und der dazu gehörigen Energie kommen die Menschen hier an. Und werden in Schlafsäle geschickt und sollen drei Monate da rum hängen. Viele fügen sich sehr höflich diesem Schicksal. Einige werden aber nervös. Weil sie sich handlungsunfähig fühlen. Sie sind doch hierher gekommen, weil sie dachten, hier können sie etwas sinnvolles tun.
Und das ist ja auch nicht so dramatisch, wenn man wenigstens ehrlich mit den Menschen wäre.
Aber sie werden meist behandelt wie unmündige Kinder. Und wer diesen Blog kennt, weiß ja dass wir Kinder gleichwertig behandeln und schon ein Problem mit der allgegenwärtigen überheblichen Art sich Kindern gegenüber zu verhalten, ein Problem haben. Da ist es dann noch viel schwerer zu ertragen, zuzusehen wie deutsche Gutmenschen, ihr Gegenüber mit dieser Helferarroganz behandeln.
Es geht nicht ums Anteilnehmen oder Mitleiden. Das kann man ja auch auf eine gleichwürdige Art und Weise.
In der selben Kategorie befindet sich auch das Thema "Dankbarkeit erwarten". Mit dieser Haltung macht man viel kaputt. Vielleicht schreibe ich dazu noch etwas.
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