Donnerstag, 13. März 2014

Pferdekacke und Kafka Teil eins [hest lort og kafka part en]





















Eigentlich wollte ich etwas über Pferdekacke und Kafka schreiben. Bevor ich das aber tue, muss erst noch ein Gedanke erzählt werden...

Hat eine(r) von Euch etwas gutes zu den Textbesprechungen aus der Schulzeit zu berichten? Das ist wieder eine ernst gemeinte Frage, zu der ich gerne Eure spontanen Gedanken hätte. Also ich meine: Buch lesen und danach in der Klasse Aufgaben dazu machen und vortragen etc.

Ich frage mich schon seit der elften Klasse was das bringen soll. Ich habe in den Sommerferien nach der zehnten Klasse Das Parfum gelesen. Ein Freund hatte es mir empfohlen und ich fand es richtig gut. Nach den Sommerferien kam ich in den Deutschunterricht und wir durften ein halbes Jahr lang dieses Buch, welches ich gerade sehr mochte, auseinander nehmen. Das war schlimm. Es war uninteressant, zäh und zerstörend. All meine Begeisterung war nach dem halben Jahr, eigentlich schon nach der ersten Woche, weg.

Ich hatte es für mich gelesen, fand die Geschichte die Patrick Süßkind aufgeschrieben hatte spannend. Ich hatte mir meine eigenen Gedanken dazu gemacht. Es hat mich berührt, etwas in mir bewegt. Es bedeutete mir etwas (auch weil es eine Empfehlung meines damaligen Schwarms war). Das reicht doch. Das ist doch alles was man von Kunst erwarten kann, oder? Entweder sie setzt etwas in mir in Gang oder sie berührt mich nicht und passt einfach (evtl. grad) nicht zu mir. Und dann gibt es die Möglichkeit, dass ich die Erfahrung für mich behalte wie einen Schatz, sie in meinem Kopf als Eindruck behalte, still analysiere oder sie mit anderen (frei gewählten Gesprächspartner) bespreche, vergleiche, mich fetze, weil es mir etwas bedeutete und den anderen nicht, oder nicht das gleiche, oder weil ich die anderen und ihre Meinung doof finde...

Aber all das ist doch etwas sehr sehr persönliches und vor allem etwas das von ganz allein passiert. Wenn ich einen Text lese und der mir nicht mehr aus dem Kopf geht, oder Fragen aufwirft, kann ich ja nachforschen. Wer war der Autor, warum hat er diesen Text geschrieben, in was für einer Gesellschaft hat er gelebt?

Für mich ergibt erzwungene Textanalyse in der Schule genau so viel Sinn, als würden wir für alle kleinen Menschen im Alter von elf Monaten Lauflern-trainings anbieten. Trainings in denen sie ständig Hausaufgaben bekommen und das Laufen üben müssen. Und dann vorzeigen, was sie bisher geschafft haben.

Das passiert doch von ganz alleine, in dem eigenen Tempo des Protagonisten, zu dem Zeitpunkt wo es grad passt.

Wieso muss ich dann im Deutschunterricht endlos lange erfahren, was es mit anderen (meinen öden Mitschülern oder irgendwelchen bekloppten Literaturkritikern) gemacht hat? Was irgendwer dazu gedacht hat, was irgendwer da hineininterpretiert hat. Das hat mich im Deutschunterricht furchtbar angeödet. Vor allem auch, weil ich viele Aussagen wirklich völlig daneben fand. Und am allerschlimmsten fand ich Aussagen über meine eigenen Texte und Arbeiten im Kunst-LK. Da stehen dann zwei Künstler (unsere Kunstlehrer waren keine Lehrer, sondern aktive Künstler mit einem Lehrauftrag) vor meinem Bild und erzählen mir Dinge über mich, die völlig abwegig waren, mich langweilten oder sogar bedrängten, weil sie so absolut nicht zutreffend waren und gar nichts mit mir zu tun hatten, ich aber auch gar keine Lust hatte da etwas dagegen zu sagen. Manchmal klebt in der Collage oben Links eben einfach nur ein Frosch, weil er von der Farbe her gut passte. Wenn mir dann ein Gelehrter etwas darüber erzählt, wie dort mein Bezug zur Natur, die Liebe zu allen Wesen und mein Hinweis auf unseren Ursprung und unser herauskriechen aus der Ursuppe deutlich wird, und mich dafür beglückwünscht und mir 15 Punkte notiert, habe ich innerlich oft gelacht und geweint gleichzeitig. Das war so absurd.

Ich finde es wichtig und hilfreich zu erfahren wie und wo ich mich informieren kann, wenn ich etwas wissen will.

Auch der Hinweis, dass es einen in den eigenen Überlegungen zu einem Text oder Bild weiter bringt, wenn ich mir anschaue in welcher Zeit der Künstler gelebt hat und in welchen Verhältnissen, ist wichtig.

Aber selbst diese Werkzeuge ergeben sich wahrscheinlich, wie das Laufenlernen, von selbst. Oder?

Kommentare:

  1. Du hast total Recht und ich sehe das derzeit bei mir in der Schule. Ich muss im Deutschunterricht Texte erörtern, Texte auseinander nehmen, Recherchieren usw. und ich finde es unglaublich langweilig - weil ich es MUSS. Ich MUSS ein Buch finden und MUSS es auseinander nehmen, das finde ich das störendste an der ganzen Sache. Ich muss vor 28 anderen Schülern, die 10 Jahre jünger sind als ich, ein Buch, ein Thema auseinander nehmen und es interessiert nicht einen. Nicht einen einzigen. Meine komplette Motivation von einem für mich sehr tollen Buch zu erzählen schwindet dahin... furchtbar.

    Genauso in "Werken und Gestalten". Im Grunde genommen machen wir nichts anderes als Kleinkinderbasteln mit viel Glitzer, da die Lehrkraft total darauf abfährt. Wenn du dich traust deinen eigenen Stil durchzusetzen, KEINEN Glitzer zu benutzen oder einfach natürlich zu malen, nicht stilisiert oder sonst was, hagelt es schlechte Noten weil sie es subjektiv "nicht schön / kreativ / wasauchimmer genug" findet. Ich mag erst gar nicht mehr dran denken, sonst werd' ich nur wieder sauer... -.-'

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  2. Keine spontane Antwort mehr, die erste hat sich aufgefressen.

    Als Mädchen hab ich die Schule geliebt.
    Irgendwann mal gab es doofe Lehrer.
    Aber ansonsten war das mein Ding.

    Textinterpretationen finde ich gut.
    Gut gerade bei Texten, die ich sonst niemals gelesen hätte.
    Viel geht es um Hintergrundwissen.
    Aber noch mehr um Sprachtechnik.
    Das bis auf i-Punkte auseinanderzupflücken hat nichts mehr mit "Liebblingsbuch" zu tun, mit Gefühlen, mit im Bann sein.
    Aber gerade die komplizierte deutsche Sprache hat grossartige Schriftsteller, die eben hinter den Gefühlen auch viel mit Technik arbeiten.

    Goethe Mann Böll Süskind

    Ich mag es gerne, wenn sich mir eine 2. Ebene neben den Gefühlen auftut.
    Die zu erlernen finde ich schwer.
    Wann liest man freiwillig ein Buch, was einem nicht gefällt?
    Wann will man seinen Buchzauber zerlegen in Buchstabentechnik?
    Mit ist klar, dass ich da wohl eine Ausnahme bin, weil mir sowas Spass macht.
    Aber ich finde es gut, nicht nur nach dem Lustprinzip zu gehen.
    Und wenn es eigentlich zu mühsam ist, sich wo durchzufretten, mal am Ball zu bleiben.
    Bleiben zu müssen.
    Und dann stolz sein auf das Ergebnis.
    Etwas gelernt zu haben, was Freude bereitet, auch wenn es nicht gleich offensichtlich ist.
    Auch: Meinungen von Leuten hören, die man eigentlich nicht wissen wollte.
    Sie ernst nehmen.
    Und lernen, damit umzugehen.

    Deine Leidenschaft klingt so viel richtiger.
    Vielleicht verteidige ich nur mein Spiesserleben.

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  3. Spontane Antwort: ich mochte Textinterpretationen in der Schule. Ich fand das echt spannend. Und die Klausuren dazu liebte ich, da konnte ich meiner Phantasie freien Lauf lassen. Egal was mir zum Text einfiel, es war alles richtig und musste nur mit der entsprechenden Textstelle belegt werden. Ich empfand das als Freiheit. Und es hat mich definitiv darin geschult, Texte intensiver wahrzunehmen, manchmal einen zweiten Blick auf bestimmte Textpassagen zu werfen.
    Dennoch schränkt das ja nicht meine persönliche Sicht auf einen Text ein. Im Gegenteil, ich empfand und empfinde die Interpretation als Bereicherung und ich fand/finde es spannend zu ergründen, was der Autor sich wohl beim Schreiben gedacht hat.
    Wobei ich natürlich nicht an jeden Text mit dem Anspruch herangehe, alles mögliche zu interpretieren. Ich lese einfach und lasse die Gedanken oft hinterher dazu wandern.

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  4. Ich glaube, was in deinem Text durcheinander geht, sind Leidenschaft und Wissenschaft. Man kann Bücher lesen und sie aus verschiedenen Gründen toll, emotional ansprechend, verändernd empfinden. Man kann das mit anderen besprechen, muss es aber nicht.
    Die 'professionelle' Beschäftigung mit (u.a. literarischen) texten allerdings hat nicht das Kriterium des Gefallens oder nicht gefallens. Sondern es geht um das kriteriengeleitete Analysieren von Texten. Mit dem Ziel, nachher mehr über den Text zu wissen als vorher, ihn mittels Kriterien erschlossen zu haben. Beispiel: Was macht Propagandareden aus? Man kann sie anhören oder lesen und intuitiv mitreißend oder abstoßend finden. Wenn man sich mit den Argumentationsstategien beschäftigt, kann man sich dem Text aber eine "Ebene tiefer" nähern und ihn mit Distanz betrachten 8undzwar ganz ohne AutorInnenintention). Und durch das gewonnene Wissen vielleicht später andere Propagandaversuche eher und besser durchschauen. Das ist eine Ermächtigung des Individuums, ein Teil vom Umgehen mit der Welt.
    und so kann man sich auch mit Texten beschäftigen, die man nicht als Lieblingslektüre ausgewählt hätte.

    Ich glaube, dieses Gefühl, dass in der Schule Texte zerredet werden, hängt viel mit falscher Methodik und unklarer Zielperspektive (nicht im Unterrichtsverlauf, sondern bereits bei der Lehrkaft selbst) ab. Und selbstverständlich glaube ich auch, dass da smit dem Grundproblem der Regelschule zusammenhängt: alle zur gleichen Zeit dasselbe. Das ist natürlich der absolute Mist und ein totaler Killer!
    Nichtsdetotrotz glaube ich, dass die Methoden der Textwissenschaften ganz wunderbare Wissens- udn vor allem Selbstermächtigungsquelen sind. Geisteswissenschaften udn ihre Methoden sind wahnsinnig wichtig und sollten (unabhängig von Schule) vermittelt werden! Ein ganz tolles Plädoyer einer wunderbaren Philosophin zur geisteswissenschaftlichen Bildung ist übrigens: http://www.amazon.de/Nicht-f%C3%BCr-den-Profit-Demokratie/dp/3935254911/ref=sr_1_5?ie=UTF8&qid=1395054298&sr=8-5&keywords=martha+nussbaum

    Und zum Abschluss: Ich lese deinen Blog wirklich wahnsinnig gern udn regelmäßig - als starke Schulkritikerin mit den ständigen Überlegungen, wie wir diesen System entgehen können. Ich danke dir auf diesem Wege für viele Einblicke, Eindrücke und tolle Gedankenanstöße!

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    1. Noch eine Anmerkung zum "Aber selbst diese Werkzeuge ergeben sich wahrscheinlich, wie das Laufenlernen, von selbst.":

      Ich glaube, dass z.B. Techniken und Strategien der Texterschließung sich nicht ausschließlich von selbst ergeben wie das Laufenlernen.Das ist m.E. ähnlich wie mit dem Lesenlernen, dass nicht gleichzusetzen ist mit dem Laufenlernen (Maryanne Wolf erklärt das fantastisch in Das lesende Gehirn), sondern anders funktioniert, da es eine Kulturechnik ist. Bei Wolf heißt es so schön "Wir haben kein Gen fürs Lesenlernen".

      Und das ist hier kein Plädoyer für intentionales Lernen unter Zwang, ganz im Gegenteil. Mich beschäftigt sehr viel, wie man derartige Kulturtechniken und auch Theorien, die gedanklich weiterbringen und die ich für wichtig erachte, möglichst 'natürlich' vermitteln bzw. weitergeben kann (als Anhängerin des informellen Lernens).

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